Han Klinkhamer · Hanuntitled, 2019/2020, Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm

HAN KLINKHAMER · HIDDEN TRACES

Ausstellung vom 5. Juli bis 30. August 2020 in der Galerie Born, Darss


Ausstellungseröffnung am 4. Juli 2020 von 12 – 18 Uhr

Han Klinkhammer, 1950 geboren in Oss, Niederlande
Studium an der Folkwangschule, Essen Kunstakademie Warschau, Polen (Stipendium)
lebt und arbeitet in Demen, Niederlande

Beyond the Resemblance – Jenseits des Offensichtlichen

Ölfarbene Skulpturen

Letztes Jahr kaufte ich ein kleines Ölgemälde mit einfachem Namen: Landschaft 20×30. Es gefiel mir so gut, dass ich nach meiner Rückkehr nach Hause ein Foto davon machte, und es meiner Tochter nach London schickte, um meine Freude mit ihr zu teilen. Es war spät am Abend, aber ich wollte nicht bis zum nächsten Tag warten, also stellte ich meine Halogen-Schreibtischlampe über das Gemälde und fotografierte.
Die provisorische Beleuchtung offenbarte ein Relief, das weder auf den Bildern im Katalog noch auf der Website zu sehen war. Im Gegensatz zu meiner ursprünglichen Annahme sind Han Klinkhamers Bilder keine Landschaftsdarstellungen, sondern Ölfarbenskulpturen, die durch Komposition, Form, Farbe und Relief die Idee einer Landschaft hervorrufen. Sie haben keinen Rahmen, der wie ein Fenster den Blick auf die außenliegenden Felder nachahmt. Das Gemälde selbst ist das Feld; in alle Richtungen ragt Erdreich hervor. Selbst die Wolken sind pastös und ölig. Es handelt sich um Ölfarbe, kein Acryl. Was Lehm für die Felder ist, ist Öl für die Farbe. Ich rieche das Bild, lasse meine Finger darüber gleiten. Wäre ich blind, könnte ich es wie lesen wie Brailleschrift.

Décollagen

Zunächst konnte ich mit den Décollagen nicht viel anfangen. Ich hatte in den Katalogen und auf der Website Bilder dieser riesigen (zwei mal anderthalb Meter großen) Werke gesehen. Erst nach mehreren Besuchen in Hans Atelier begann ich, ihre künstlerische Dimension zu erfahren:
Als wenn eine Tür geöffnet wurde und ich eingeladen werde, in eine Welt einzutreten, in der ich mich seitdem bewege.
Namensgeber der Décollagen ist die Art aus den 1960er Jahren, Kunst aus zerrissenen Plakate zu schaffen. Im Gegensatz zu den Öl-Gemälden, die in einem langen Prozess entstehen, in dem Schicht über Schicht aufgetragen und teilweise wieder abgetragen wird, entstehen die Décollagen durch das Abreißen von Papierstücken. Auch dies war eine unerwartete Entdeckung. Bei den Décollagen handelt es sich nicht um Gemälde, sondern um riesige Papierbögen, in die Han mit einem Stanley-Messer hineinschneidet und die so gelösten Schnipsel herauslöst.
Die Empfindlichkeit des Papiers, die Art des Stanley-Messers und seine Größe bestimmen die Form der abgerissenen Schnipsel. Natürlich könnte man das Papier "attackieren", aber dann würde man es durchschneiden, und das ist nicht die Absicht. Der Sinn besteht darin, Stücke der oberflächlichen Schicht abzutragen, so dass die darunter liegende sichtbar wird. Die Schicht selbst soll dabei intakt bleiben. Sofern das möglich ist. So entstehen die sich wiederholenden Muster von Blatt- und Streifenmotiven; durch das Entfernen kleiner Papierstücke entsteht das Werk als Ganzes. Manchmal dauert das Abtragen des Papiers so lange, dass auch die unterliegende Schicht verletzt wird. Dann bleibt nur noch, das Bild mit einer neuen Unterschicht zu versehen. Han arbeitet mit einem winzigen Stanley-Messer auf einer Fläche von mehreren Quadratmetern. Erst nach einiger Zeit wird ein Muster sichtbar, das eine unwiederstehliche Wirkung auf Stellen ausübt, die noch nicht oder bereits bearbeitet sind und die zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Muster in Übereinstimmung gebracht werden müssen. Dieser Prozess kann Jahre dauern! "Man kann es mit der Art vergleichen, wie Lucian Freud gearbeitet hat", sagt Han. "Wenn Freud ein Porträt malte,
malte er zuerst einen Teil der Augenbrauen, dann ein Stück der Nase und danach einen Teil der Wangen. Am Ende musste er die ursprünglich gemalten Teile so verändern, dass sie in den Rahmen des gesamten Gemäldes passten.
An einer der Décollagen (Décollage 2014) wurde so lange gearbeitet, dass nicht viel mehr übrig blieb als ein Muster aus zerbrechlichen schwarzen Linien auf weißem Grund, das so weggerissen worden war, dass ein zweiter Papierbogen die Scharten und Lücken der ersten Schicht ausfüllen musste. Das erinnert mich an Robert Rauschenbergs "Ausradierte De Kooning-Zeichnung". Ich kann mich kaum zurückhalten, Han zum finalen Schritt zu ermutigen: "Han, arbeite noch eine Weile weiter, dann hast du die ultimative Décollage, einen völlig zerscharteten weißen Bogen Papier."

Demen

Ein gemächlicher Nahverkehrszug bringt mich von Den Bosch zum kleinen Bahnhof von Ravenstein an der Grenze zwischen Nord-Brabant und Gelderland. Han erwartet mich dort. In seinem Lieferwagen fahren wir durch das malerische Ravenstein und von dort über den Maasdeich nach Demen. Nach einer ziemlich steilen Abfahrt halten wir im Schatten des Deiches bei einer ehemaligen Grundschule.
Han stammt ursprünglich aus Oss und ist nach einer Schaffensperiode in Deutschland in seine Heimat zurückgekehrt. Vor etwa vierzig Jahren kaufte er die Schule in Demen. Sie war heruntergekommen und stand kurz vor dem Abriss. Han beließ die Fassade in ihrem ursprünglichen Zustand und richtete nach einer gründlichen Renovierung ein geräumiges und stattliches Atelier ein, die bereits vorhandene Veranda behielt er bei. Er benötigt diesen gigantischen Raum, um ungestört an seinen Décollagen arbeiten zu können. Sie sind so riesig, dass Han sie aufhängt, damit er an den unteren Teilen arbeiten kann, und, auf einem Fußschemel stehend, an den höheren Abschnitten arbeiten zu können. Der Atelierblick ist auf den Maas-Deich gerichtet, hinter dem die Auen liegen. Auf der anderen Seite, vom Atelier aus nicht sichtbar, liegt das Ackerland von Nord-Brabant: schwerer Flussschlamm, der etwa 40 Kilometer weiter zu Sand wird. Ackerland und Auen finden sich im Thema von Han Klinkhamers Arbeiten. Die Felder sind in den Gemälden, die Auen, Gräser und Feldpflanzen in den Décollagen. "Wahrscheinlich stellen Sie Ihre Staffelei irgendwo in der umliegenden Natur auf und beginnen zu arbeiten?", fragte ich ihn bei meinem ersten Besuch. "Nein, eigentlich nicht. Ich erschaffe alles aus dem Sinn. Die Landschaft ist mir so vertraut, dass das Muster der Felder, die Struktur der Pflanzen, Blumen und Sträucher meine Arbeit bestimmen, die mein Inneres inspiriert haben. Einer meiner Käufer, ein Universitätsbotaniker, teilte mir begeistert mit, dass er eine seltene Pflanze auf einer meiner
gemalten Flora gefunden habe. Da haben Sie es also: Die Kunst ist der Lehrmeister der Natur."
Mir fällt auf, dass nicht nur seine Décollagen, sondern auch die Gemälde meist schwarzweiß sind. Die Ackerflächen liegen brach. Pflug und Traktor haben in einer Winterlandschaft tiefe Furchen gezogen. Es liegt Schnee auf den Feldern, Wasser und Eis in den Furchen. Die Feldfrüchte sind verdorrt, schwarz, und heben sich ab vom weißen Grund. Die unverkennbare Ähnlichkeit zu Fossilien. Als ich mir diese Feldfrüchte genauer ansah, war ich erstaunt, winzige gelbe Tupfer zu sehen, die mir vorher nicht aufgefallen waren. "Ja", sagt Han, "so gefällt es mir. Das Leben scheint abwesend, hat sich aber eigentlich nur zurückgezogen und zeigt sich hier und da durch die wettergegerbte Borke."

Beyond the Resemblance

An der Küchenwand erblicke ich ein kleines, naturalistisches Ölgemälde. "Ja, es besteht schon eine gewisse Ähnlichkeit", sagt die porträtierte Person. "Aber mit wem? Ich glaube nicht, dass es mir so sehr ähnelt, sondern viel mehr den bekannten Porträtgemälden der Renaissance. Eigentlich hindert es Sie daran, mich so zu sehen, wie ich wirklich bin."
"Ich habe einst ein Porträt von Diego Giacometti gesehen, an dem sein Bruder so lange gearbeitet hatte, dass seine Bleistifte förmlich durch das Papier trieben. Ähnelt diese Zeichnung wirklich Diego?" "Es kommt darauf an, was das Wort "ähneln" Ihrer Meinung nach bedeutet. Nach Giacomettis Meinung beispielsweise ähneln sich die Köpfe der ägyptischen, chinesischen und babylonischen Statuen.
Giacometti begann seine Karriere mit "Malerei der Natur". Nach etwa zehn Jahren entdeckte er, dass "Malen der Natur" genau das Gegenteil von dem bedeutet, was normalerweise unter diesem Wort verstanden wird. Die Natur ist wie durch einen Vorhang verborgen. Nach Giacometti definiert sich die Kunst, indem sie diesen Vorhang wegzieht. Das ist auch das, was ich in meinen Bildern und Décollagen tue. Ich beginne meine Bilder oder Décollagen mit Motiven, die aus der Natur entspringen: Pflanzen, Sträucher, eine Landschaft. Danach versuche ich, etwas freizusetzen, das ihrer Quintessenz entspricht, ohne jedoch die Illusion
zu haben, dass mir das jemals gelingen wird. Kunst, so denke ich, ist die Anstrengung, die ich unternehmen muss, um die Dinge von der Oberfläche abzukratzen und so den Weg zur Essenz, die darunter liegt, frei zu machen."

Kunst ist niemals fertig

Paul Valéry sagte einmal, dass es in der Kunst nicht um das Ergebnis geht, sondern um den Prozess, der zu diesem Ergebnis führt. Daher bekommt das Wort "Kunst-Werk" eine ganz neue Bedeutung. Han Klinkhamers Gemälde und Décollagen zeigen Etappen eines Prozesses, der uns weg von stereotypen Landschaften und Stillleben hin zu den archaischen Feldern und urzeitlichen Gräsern führt, die so charakteristisch für seine Werke sind, er offentbart eine essentielle, fundamentale Welt jenseits des Offensichtlichen.

Mehr können wir von Kunst nicht verlangen.

Text: Prof. Dr. Maarten van Buuren, emeritierter Professor an der Universität Utrecht, Niederlande, Juni 2020

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